Bibelturm Mainz?

Ein kurzer Kommentar von mir auf Twitter und schon schreiben etliche Leute. Prinzipiell normal, dafür ist Twitter ja da. Allerdings antworten meist dann doch nur Follower und vereinzelt wird auch mal ein Beitrag geliked, da er zuvor retweetet wurde. Mein Kommentar zur Abstimmung über den neuen „Bibelturm“ des Gutenberg-Museums in Mainz, dass ich diese Abstimmung für irrelevant halte und nicht abstimmen will, wurde aber direkt recht kontrovers gesehen.
Allerdings nur von zwei Parteien: Jene, die meinen, man müsse unbedingt abstimmen, da es die Pflicht eines jeden Bürgers ist, an einer Wahl teilzunehmen. Und jene, die gegen den Bau dieses Gebäudes sind. Mit beiden Stellungen habe ich so meine Probleme. Abgesehen davon, dass es mir absolut egal ist, ob dieses Gebäude gebaut wird, oder nicht, so muss ich nicht abstimmen. Es ist mein gutes Recht, wissentlich meine Stimme nicht abzugeben. Auch das ist Demokratie! Ich bin frei in meiner Wahl und wähle nicht zu wählen. Natürlich muss ich mich mit dem Ergebnis solch einer Wahl dann zufrieden geben und darf nicht im Nachhinein meckern. Aber das wollte ich auch nie. Also wieso wird mir vorgeworfen, mich nicht demokratisch zu verhalten? Bei einer Sache, die meiner Meinung nach immer noch eine absolute Geschmacksfrage ist. Direkte Demokratie schön und gut, aber wieso für solch ein irrelevantes Thema? Wieso nicht beim Thema Pflegedienst, Waffenlieferungen in die Türkei, etc.? Nein, ein absolut banales und bereits zuvor polarisiertes Thema, bei dem es um den ästhetischen Geschmack der Menschen geht, soll abgestimmt werden.

Gefällt mir das Konzept des Architekten? Ja? Nein? Vielleicht?

Und damit kommen wir direkt zur zweiten Partei, die den Bau dieses Gebäudes als zu starke Charakteränderung des Liebfrauenplatzes sehen. Die sich das Marktfrühstück „nicht versauen“ lassen wollen. Die mit dem Argument kommen, dass dies ein unterfinanziertes Großbauprojekt sei. Alle haben eins gemein, dass sie spekulieren. Bis auf das letzte Argument, welches nicht wirklich eines ist. Jeder der weiß, wie öffentliche Projekte gebaut und entsprechend ausgeschrieben werden müssen, weiß, dass solch ein Projekt am Ende immer teurer wird. Dies liegt aber in der Natur dieser Ausschreibungen und dem Verfahren. Wer mir auch nur ein einziges Bauprojekt zeigen kann, das in seinem vorher festgesetzten Finanzrahmen geblieben ist: Respekt! Das Marktfrühstück versauen? Wegen Baulärm? Weil man nach Fertigstellung nicht mehr genauso saufen (tut mir leid, aber oftmals ist genau das der Fall) kann wie vorher, da man zu irritiert ist und ständig auf das Gebäude sehen muss? Mal im Ernst.

Natürlich wird sich der Charakter des Platzes verändern. Aber wieso soll dies schlecht sein? Weil es mir nicht gefällt? Weil das historische Gebäude Zum Römischen Kaiser verändert werden soll? Ein Gebäude, das gar nicht mehr im Original dort steht (hier bitte Bilder von Mainz direkt nach 1945 einfügen oder einfach mal googlen…), sondern 1960 neu aufgebaut wurde? Weil hinter den Bäumen ein „Turm“ steht, welchen man vom Domplatz aus durch die Bäume teilweise sehen kann?

Alle Visionen moderner Baukunst und Architekten wären mit dieser Einstellung wohl nicht wirklich möglich. Ich frage mich, ob es mit solch einer Einstellung jemals die Gebäude gegeben hätte, die wir heutzutage so feiern, ob es die Architekten gegeben hätte. Was würden Friedenreichs Hundertwasser, Zaha Hadid, Jørn Utzon um gerade einmal nur drei zu nennen, zu solch einer Abstimmung sagen? Wären sie froh, vor der Erbauung ihrer Visionen zu wissen, wie diese bei den Menschen ankommt? Wie viele Visionen wurden erst im Nachhinein von den Menschen mit der Zeit angenommen und sind nun nicht mehr weg zu denken? Viele Menschen wollen keine Veränderung, sondern im Hier und Jetzt einfach stehen bleiben. Sie fürchten sich gerade zu vor Veränderungen. Egal, ob diese gut oder schlecht sein werden. Denn das Ungewisse bleibt, vielleicht wird es doch nicht gut, sondern schlecht.

 

Vielleicht werde ich doch zur Abstimmung gehen. Falls dies der Fall ist, aber nicht um meine Stimme ungültig zu machen, wie es vorgeschlagen wurde, damit ich weiterhin demokratisch sei. Wenn ich Abstimme, dann wohl für den Bibelturm. Alleine schon, da mir alle anderen (zumindest im Ton) zu aggressiv waren, nur dafür, dass ich sagte „ich will hierüber nicht abstimmen“, aber auch für eine moderne Zukunft. Für eine Vision und dafür, dass Architekten auch in Zukunft versuchen ihre Visionen zu verwirklichen. Ob diese spezielle Vision nun in einigen Jahren angenommen wird, oder nicht, das wird nur die Zeit zeigen. Zu sagen, dass diese baulich absolut nicht ins Gesamtbild passe, sehe ich definitiv nicht so.

2 Gedanken zu „Bibelturm Mainz?

  1. Du sprichst mir mit jedem Satz aus der Seele, von daher muss ich eigentlich hier inhaltlich jetzt gar nichts mehr sagen zum Für und Wider des Turms.

    Was Du nicht erwähnt hast, ist das Quorum von 15% – da ist doch die Entscheidung, nicht abzustimmen … definitive eine bewusste Entscheidung. Hat das denn keiner auf twitter gewusst? ;-) Oder denken alle, das läuft so wie die Wahlen?

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